"Wer hat nicht schon gehört von den geheimnisvollen Geschichten, die sich um die Dolomitenberge ranken, wer kann sich wehren gegen die Eindrücke, die der Anblick dieser himmelwärts strebenden Zacken bewirkt. Keine Gebirgslandschaft in den Alpen lässt der Phantasie derart freien Lauf wie die bizarr wechselnden Formen und Farben dieser urwüchsigen Felsformationen."
Peter Kübler
Der rote Berg
Inmitten der Pragser Dolomiten steht ein Berg, der zwischen den anderen bleichen Bergen feuerrot herausglänzt. Der Felsen dieses Berges (Hohe Gaisl) ist sehr reich an Höhlen und Klüften, die früher von zahlreichen Murmeltieren bevölkert waren. In einer größeren Höhle jedoch wohnte eine alte "Anguana", die man normalerweise in den Wäldern und Gewässern antrifft. Die Alte wollte sich nie von ihrer Behausung trennen und deshalb blieb sie stets allein und einsam. An einem Sommerabend bekam sie jedoch Besuch. Es war eine junge Frau namens Molta, die ein Kind im Arm hatte. Molta war so erschöpft, dass sie sich zurücklehnte und starb. Kurz darauf kamen alle Murmeltiere herbeigelaufen. Sie schleppten die Leiche in eine ihrer Felsklüfte. Anguana zog das Kind groß. Die Zeit verging, aus dem Kind wuchs ein nettes, flinkes Mädchen. Da ihre Mutter Molta hieß, wurde sie Moltina genannt: Das Mädchen spielte oft am See, daher lief sie eines Tages einem Prinzen in die Arme, der beim Jagen war. Er wollte sie festhalten, doch sie lief davon. Von da an suchte der Prinz unermüdlich nach Moltina. Eines Tages traf er eine alte Salvarga. Die neugierige Alte wollte wissen, woher er kam und was er wollte. Als er das junge Mädchen erwähnte, wusste die Salvarga gleich, dass es sich um Moltina handelte. Als zur Sprache kam, dass der Prinz Moltina heiraten wollte, riet ihm Salvarga davon ab, weil sie aus den Bergen kam und mit den Murmeltieren aufwuchs. Der Prinz fand die Plegemutter von Moltina und wurde mit ihr einig wegen der Heirat. Moltina erfuhr diese freudige Nachricht und wollte es allen erzählen. Sie lief hinauf zum Gipfel und wieder hinunter zu Anguana und rief erfreut: "Ich habe allen erzählt, dass ich heiraten werde. Den Büschen, den Blumen und Gräsern, den Murmeltieren, sogar die Felsen haben mir zugehört und sich mit mir gefreut." "Weißt du was das bedeutet?", erkundigte sich Anguana, "das heißt: der fühlt mit dir." Der Prinz nahm Moltina mit auf seine Burg und dort wurde Hochzeit gefeiert. Sie hatte ein Gemach, wo man zur Hohen Gaisl hinaufschauen konnte. Abens ließ sie oft ein Feuer anzünden, um ihre Pflegemutter und die Murmeltiere zu grüßen. Eines Tages wurde auf der Burg ein großes Fest gefeiert. Fürstlichkeiten aller Nachbarländer waren eingeladen. Im Laufe des Festes machte eine Königin den Vorschlag, dass ise erzählen sonnten, von welcher Burg sie abstammen. Die arme Moltina machte ein ganz verzweifeltes Gesicht. Ihr Herz schlug höher und sie zitterte am ganzen Leib. Sie dachte: "Ach wäre ich doch in meiner Hähle!" In diesem Augenblick geschah etwas Sonderbares: der Hofdiener stürzte außer Atem herein und rief: "der Berg leuchtet blutrot!" Die Damen liefen zum Fenster, um sich das Spektakel anzusehen. Moltina nützte diese Gelegenheit und rannte davon. Kurz darauf merkte der Prinz, dass Moltina nicht mehr da war und eilte ihr nach. Er suchte überall nach ihr, doch er fand sie nirgends. Erst nach 7 Tagen erfuhr er von der alten Anguana, dass sich Moltina nicht mehr auf die Burg traute. Als er die Höhle verließ, traf er Moltina. Beide waren glücklich, dass sie sich wieder sahen. Der Prinz blieb mit Monlina in den Bergen. Moltina bekam ein Kind, das ihr viel Arbeit machte. Einmal in der Nacht, als Moltina gerade ihr Kind in den Schlaf gewiegt hatte, hörte sie Waffengeklirr. Es wiederholte sich jede Nacht. Einmal war es so nahe, dass der Prinz dem nachging. Er entdeckte ein ganzes Waffenlager. Es trat der Prinz und kam mit ihnen ins Gespräch. Als sie hörten, dass der Prinz von der Croda Rossa kam, nahmen sie in freundlich auf. Der Prinz holte Moltina und das Kind in die Siedlung und lebte dort glücklich bis an ihr Lebensende. Eine Nacherzählung der Sage von der Hohen Gaisl, Croda Rossa, Roter Berg von den Schülern der Grundschule Prags.
Die Sage von den besoffenen Pragsern
Die Spitzköfel neigen sich nach hinten, nach links und nach rechts. Im Volksmund heißen sie "die besoffenen Pragser". Prags war früher eine Alm. Unter dem Schwarzberg in der Grünwaldhütte saßen einige Pragser beim Schnapse. Da rief einer: "Wollen wir net's Grünwaldmandl rufen. Grünwaldmandl, kimm und sauf mit!" Nichts geschah. Da Stellte er sich unter den schwarzen Schlund und schrie: "Grünwaldmandl, traust di net?" Auf einmal kollerte und polterte es über den Kamin herunter und schon stand das Mandl mitten auf dem Tisch. Da sagte das Mandl: "Ihr Sauflümmel, ihr habt mich verspottet!" Das Mandl klatzschte auf sein speckiges Lederhöschen und jauchzte wild: "Aufi, hui, aufi!" Oben am Sattel, vor der Hochalpe ließ er sie schlafen, auf immer. Sie stehen heute noch oben, verdreht, verkrümmt, verstaucht und verbogen.
Erzählt von den Schülern der Grundschule Prags.
Die Sage vom Bärenbad
Vor dem Jahre 1000, da Prags damals Prages geheißen, noch eine Alpe war, gab es dort auch noch Bären. Diese brachen in die Schafherden ein und rissen jeden Sommer eine große Anzahl. Ein kleiner See, den den Schafen als Tränke diente und in dessen Nähe die Tiere vor der Sommerhitze Schatten suchten,war bald das Ziel der Bären. Sie kamen immer von den Wäldern unterm Herrstein herunter, weshalb der Hang über dem See "Bärenleite" genannt wurde. Die fHirten waren sonst nicht feige. Eins auf den "Pelz brennen" konnten sie damals nicht. So lauerten sie dem Schafmörder mit ästigen Lärchenknüppeln auf. Wenn ein Bär sich am Blut der gerissenen Schafe vertrunken hatte, bekam er einen Bärendurst. Er trottete dann jedes Mal zum kleinen, kreisrunden See und schlürfte gierig daraus. Als er wieder einmalin die Herde eingebrochen war, verdroschen die Hirten ihm das Fell, als wäre es eine Dreschtenne. Der Bär war erstaunt. Dann richtete er sich hoch auf und fuchtelte mit den schweren Tatzen. Die vorderen wichen zurück, die anderen gerbten noch seinen Rücken. Der Bär drehte sich im Kreise. Er brummte, er kreischte vor Schmerz. Ächzend schleppte er sich zum See. Dort legte er sich hinein, denn seine Wunden brannten fürchterlich. Jeden Tag badete er im See, bis seine Wunden wieder heil waren. Da fiel den Hirten etwas ein. Der See lag in einem tiefen, runden Loch. So groß war er ja, dass ein paar Bären darin baden konnten. Sie bauten genau gegenüber der Bärenleite eine Steinlawine auf, ganz locker. Als der Bär wiederum kam, ein Bad zu nehmen und sich im Wasser wälzte, ließen die Hirten die Steinlawine herunterrollen. Der schwerfällige Kerl konnte sich nicht rechtzeitig retten und ertrank schließlich im See. Seitdem hieß er Bärensee oder Bärenbad.
Die Sage vom Pragser Wildsee
In grauer, ferner Vorzeit hausten die Wilden in den Bergen. Nicht, dass sie bösartig waren, nur ihre Gestalten waren wie die Berge. Es gab damals viel Gold in den Steinen. Die Wilden liebten das Glänzen des Goldes. Dieser Glanz machte ihre Gemüter hart. Später kamen Hirten ins Tal und weideten ihr Vieh auf blumigen Matten, die sich vor die Berggipfel hinbreiteten. Die Wilden zeigten ihnen Gold. Manchmal schenkten sie ihnen auch goldene Ringe und Ketten, die sie in den Bergen schmiedeten. Auch die Hirten machte der Glanz des Goldes gierig. Sie stahlen den Wilden Gold, wann sie nur konnten. Es kam zu Zank und Streit. Die Wilden waren stärker, die Hirten schlauer. Damit die Hirten nicht mehr heran kamen zu den Bergen, rissen die Wilden aus der Tiefe Quellen auf. Es entstand zwischen den Bergen und einige Meter an den Felswänden hinauf ein großes Wasser. Dadurch wurde das Tal der Hirten abgeriegelt von den Bergen. Die Hirten kamen nicht mehr an das Gold heran. Da die Wilden den See geschaffen haben, wurde er Wildsee genannt. Und weil das Tal der Hirten Pragser Tal hieß, heißt der See "Pragser Wildsee".
Die Sage vom Hirschbrunnen
In damaliger, alter Zeit gab es in Prags auch Hirsche. Ein außergewöhnlich schöner Hirsch wanderte durch die Wälder von Altprags. Er wurde von den Jägern verfolgt, die ihn aber nur verwundeten. Daraufhin ließ er sich eine Zeitlang nicht mehr blicken. Als er wieder auftauchte, schoss ein Jäger wieder auf das Tier und wieder geschah das gleiche. Als der Hirsch, der jedes Mal gesund und heil aufkreuzte, ein drittes Mal mit einem schweren Streifschuss ins Walddickicht zurückhinkte, folgte ihm der Schütze. Da sah er, wie der verwundete Hirsch sich in einer klaren Quelle, die aus dem Waldboden quoll, badete. Man machte hierauf Proben mit dem Wasser an kranken Menschen. Da fand man heraus, dass die Quelle große Heilkraft besaß. Man nannte sie "Hirschbrunnen". Auch das Wappenbild von Prags, der Hirsch an der Quelle, bezieht sich auf die bekannte uralte Volkssage vom Hirschbrunnen.
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